von Andre Gamerschlag
Der „Speziesismus“ Begriff wurde lange Zeit, zumindest im wissenschaftlichen Bereich, nur in der Tierethik, einer Unterdisziplin der Bioethik in der praktischen Ethik benutzt. Erst später findet
er in einem sehr begrenzten Rahmen Einzug in Disziplinen der Sozialwissenschaft. Ich möchte hier eine kurze Definition des Speziesismus zusammentragen und dabei oberflächlich auf den
ideologischen Aspekt eingehen.
Der Begriff „Speziesismus“ (speciesism) wurde 1970 vom Psychologen Richard D. Ryder geschaffen und erstmals von ihm in einem Flugblatt benutzt, um einen Art- oder Speziesegoismus oder -zentrismus
auszudrücken. Er bezeichnet den Teil des Dispositionssystems, also der grundlegenden Haltung eines sozialen Akteurs, der die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata für die Gewaltausübung über
„Tiere“ hervorbringt. Speziesismus kann gleichermaßen als Stereotypenkomplex angesehen werden, analog zum Rassismus und Sexismus, der die Ausgrenzung und Unterdrückung einer Gruppe aufgrund der
Hervorhebung von Andersartigkeiten oder vermeintlichen Andersartigkeiten proklamiert und legitimiert. Ein Grundelement von Stereotypenkomplexen ist immer die Aufwertung der eigenen Gruppe und die
gleichzeitige Abwertung der anderen Gruppe z.B. Farbige(Rassismus), Frauen(Sexismus), Schwule und Lesben(Hetero-Sexismus) oder in diesem Fall anderen Tierarten, also Spezies. Aufgrund der
Andersartigkeit nichtmenschlicher Tiere - in Relation zur Spezies homo sapiens - werden diese als minderwertig deklariert und somit aus der Schutz- und (Existenz-)Rechtswürdigkeit ausgeklammert.
Die Spezieszugehörigkeit oder genauer gesagt die Nichtzugehörigkeit zur Spezies homo sapiens oder damit verbundene Eigenschaften werden als das entscheidende Kriterium betrachtet, um zwischen
Individuen mit Recht auf Leben, nämlich Menschen, und Individuen die dem Menschen als Ding zur Verfügung stehen, nämlich nichtmenschliche Tiere, zu differenzieren. Hier wird die spezifische
Weltanschauung die dem Speziesismus zugrunde liegt, nämlich der Anthropozentrismus deutlich. Diese Anschauung setzt „den“/die Menschen in den Mittelpunkt der Welt. Die Umwelt mit den darin
lebenden nichtmenschlichen Tieren sind wegen der Menschen da, um als seine Ressourcen verwendet zu werden. Somit kann Speziesismus, genau wie die Beherrschung und Ausbeutung der Natur als
Subideologie des Anthroprozentrismus betrachtet werden.
In Anlehnung an die Definition des Rassismus von Albert Memmi, mit den vier Elementen der rassistischen Einstellung, nennt die Sozialwissenschaftlerin Birgit Mütherich die vier E-lemente
speziesistischer Einstellung:
„1. Die nachdrückliche Betonung von tatsächlichen oder fiktiven Unterschieden zwischen dem Speziesisten und seinem Opfer.
2. Die Wertung dieser Unterschiede zum Nutzen des Speziesisten und zum Schaden des Opfers.
3. Die Verabsolutierung dieser Unterschiede, indem diese verallgemeinert und für endgültig erklärt werden.
4. Die Legitimierung einer – tatsächlichen oder möglichen – Aggression oder eines – tatsächlichen oder möglichen – Privilegs.“
Der Philosoph, Theologe und Soziologe Johan S. Ach rekapituliert verschiedene Formen des Speziesismus, wie sie in den Diskussionen der Tierethik herausgearbeitet wurden. Diese Formen finden sich
auf zwei Ebenen wieder. Zum einen wird aufgrund der logischen Basis zwischen „qualifiziertem“ und „unqualifiziertem“ Speziesismus unterschieden, zum anderen aufgrund der Intensität zwischen
„absoluten“, „radikalen“ und „milden“. Unqualifizierter Speziesismus nennt als entscheidendes Kriterium die Spezieszugehörigkeit, während qualifizierter Speziesismus als Kriterium Eigenschaften
verwendet, die mit der Spezieszugehörigkeit in Verbindung stehen. Die Kriterien Vernunft, Moralfähigkeit, Autonomie und Sprachfähigkeit werden am häufigsten zur Begründung herangezogen, manchmal
auch als Bündel aus mehreren oder der Gesamtheit. Der absolute Speziesismus bestreitet, dass nichtmenschliche Tiere Interessen haben können und somit auch keines moralischen Schutzes bedürfen.
Radikaler Speziesismus gesteht nichtmenschlichen Tieren zwar Interessen und damit eine gewisse Schutzwürdigkeit zu, in Konfliktfällen mit menschlichen Interessen wird aber zugunsten der
spezieseigenen Interessen entschieden. Beim milden Speziesismus werden die nichtmenschlichen Interessen mit den menschlichen Interessen abgewogen und wenn die Differenz ausreichend groß ist,
werden die nichtmenschlichen Interessen zurück gestellt.
Speziesismus kann unter anderen Gesichtspunkten auch als Ideologie angesehen werden. Ideologie definiere ich hier, sehr allgemein gehalten, als Wahrnehmungs- und Denkschema. Die hier relevante
Eigenschaft von Ideologien ist, dass die Wahrnehmung und damit das Denken ein verzerrtes Bild der wirklichen Welt zeigen , welche sich hier in einer Gleichmachung äußert. Der Tierbegriff ist ein
theoretisches Konstrukt, welches alle Arten ausgenommen den homo sapiens vereint und innerhalb des Begriffes gleichstellt. Es ist jedoch empirische Realität, bezieht man sich auf die genannten
Differenzkriterien oder denkt man an die physiologischen Voraussetzungen für Schmerzempfinden, dass es sowohl Spezies gibt deren kognitive und sinnliche Fähigkeiten gegen null tendieren und
Spezies deren Fähigkeiten in Richtung des Menschen tendieren. Die ganze Ausdifferenziertheit der Arten wird innerhalb der Tier Kategorie als monolithischer Antipode des Menschen gedacht. Birgit
Mütherich bezeichnet den „Mensch-Tier-Dualismus“ als „antithetisches Konstrukt“ und zeigt parallel konstruierte antithetische Paare auf. Dualismen wie „Kultur – Natur“ oder „Vernunft – Trieb“
sind Implikationen von Differenzkriterien und können auf die Kategorie Tier bezogen keine empirische Validität besitzen. Eine Differenz zum Menschen muss an jeder Spezies einzeln ausgemacht bzw.
gedacht werden, um den wirklichen Gegebenheiten gerechter zu werden. Eben dieser Unterschied, zwischen der materielleren Sicht einer Tierwelt von Würmern bis Menschen und einer verfälschten Sicht
von Tieren als Gegenteil von Menschen, macht die wichtigste Verzerrung aus. Sie ist der Grundbaustein für das speziesistische Denk- und Wahrnehmungsschema.
Diese und implizierte Verzerrungen mit allen Einflüssen in ihrer kulturhistorischen Genese formten die speziesistischen Handlungsschemata im heutigen Mensch-Tier Verhältnis. Dieses ist
gekennzeichnet, betrachten wir die westlichen Kulturen, von einer Unterteilung der Tiere in Nützlichkeitskategorien wie Haustiere, Versuchstiere, Nutztiere und Wildtiere. Durch diese
Kategorisierung wird entschieden welche Spezies als Objekt für Zuneigung oder für Experimente geeignet ist und welche Spezies als Nahrungs- und Kleidungslieferanten oder als sportliches Objekt,
unter dem Deckmantel der Artenregulation, angesehen wird.
erschienen in: Grünes Blatt. Zeitung der Jugendumweltbewegung. Magdeburg: Green Kids e.V. (Hg.). H.1/06. S.14f.